Page 15 - ReadersMagazin#1
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                HELBLING: Wo sehen Sie die Vor- teile?
In Literature with a Small l be- schrieb John McRae abbildhafte Texte, zum Beispiel Gedichte, Ge- schichten, Witze, Werbungen und Zeitungsüberschriften als Texte, die in Bereiche vorzudringen vermögen, die andere Texte nicht erreichen. Und das ist auch der beste Grund, umLiteraturundGraphicNovelsim Englischunterricht zu verwenden. Literatur verschafft den Lernenden intensive persönliche Leseerfahrun- gen, trägt sie an andere Orte und in andereZeiten,gibtEinblickeindas LebenunddieGefühleandererund sensibilisiert sie für die ausdrucks- volle Kraft der Sprache. Kurzum, sie ermöglichtvieles,woranLehrbücher, egal wie gut sie sind, oft scheitern.
HELBLING: Inwiefern, denken Sie, hat sich die Stellung von Literatur im Unterricht verän- dert, seit Sie unterrichten?
Vor ein paar Jahren habe ich in Moskau bei der British Council e-Forum Conference einen Vortrag gehalten, in der ich Literatur als ’Geist bei einem Bankett’ bezeich- net habe, gleichsam einem unge- ladenen Gast im kommunikativen Sprachunterricht. Damals wie heute denke ich, dass trotz aller Bemühungen von eloquenten Für- sprechern für Literatur im Eng- lischunterricht, wie zum Beispiel John McRae, Alan Maley, Gillian Lazar, und den immer wieder auf- blitzenden Anzeichen, dass sich etwas ändert, Literatur weiterhin zu sehr vernachlässigt und zum Teil sogar an den Rand gedrängt wird. 
Ich denke, das sind teilweise noch immer Gegenreaktionen auf die Stellung der Literatur vor 1960: nämlich nur zur Grammatiküber- setzung und als Pflichtlektüren für Prüfungen. Aber auch der derzeit vorherrschende stark kommunikati- ve Ansatz im Fremdsprachenunter- richt mit seiner funktionellen Sicht auf Sprache wirkt sich aus.
HELBLING: Denken Sie, dass
Illustrationen wichtig sind? Wie
setzen Sie sie ein?
Illustrationen können nützlich sein
– wenn der Künstler sie richtig hin-
bekommt. Und es ist nicht einfach,» selbst für einen begabten Illustrator,
Hooked on Books: Alan Pulverness über Literatur im Sprachunterricht
   Bilder so anzufertigen, dass sie als Erweiterung des Textes fungieren, den Leser anregen, und nicht ein- fach das Geschriebene 1:1 visu- ell wiedergeben oder lediglich der Dekoration dienen. Gute Illustra- tionen erweitern die Leseerfahrung um eine zusätzliche Dimension und bereichern sie
damit. Ein ge-
lungenes Beispiel
aus jüngerer Zeit
sind Jim Kay’s
Illustrationen für
A Monster Calls
von Patrick Ness.
Das ist zwar
kein ELT-Reader, aber durchaus ein Buch, das sich auch für Schü- ler/innen ab Niveau B1/B2 eignet. Ich möchte, dass Illustrationen dem Text etwas hinzufügen und sie die Schüler/innen über die gedruckten Wörter hinaustragen, sie ihre Fanta- sie anregen, anstatt sie abzuwürgen. Die besten Illustrationen sind leicht mehrdeutig, regen zum Spekulieren oder sogar zu Diskussionen an.
HELBLING: Wie wählen Sie eine Lektüre für Ihre Schüler/innen aus? Welche Genres kommen gut an?
Natürlich ist eine gute Lesbarkeit ein Faktor, aber auch der Umfang, der sich in gewissen Grenzen be- wegen sollte. Nun, nicht immer: Am Höhepunkt der „Pottermania“ hatte ich in Ungarn Schüler/innen, die es nicht abwarten konnten, das nächsteBuchderSeriezulesen,so dass sie es lieber gleich auf Eng- lisch gelesen haben, anstatt auf die ungarische Übersetzung zu warten. Viele halten auch Relevanz für einen wichtigen Faktor: nämlich, dass Schüler/innen sich nur auf Texte einlassen, mit denen sie ir- gendeine Verbindung herstellen können, durch eine Ich-Erzählung, ein ähnliches Alter der Protagonis- tin/des Protagonisten, kulturelle Ähnlichkeiten und so weiter. Aber
 10 Den Vortrag von Alan Pulverness können Sie sich bei Youtube
ansehen.
 Ich möchte, dass Illustrationen dem Text etwas hinzufügen und sie die Schüler/innen über die gedruckten Wörter hinaustragen, sie ihre Fantasie anregen
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